Neue Behördennummer 115 für Baden-Baden:

Ein neuer Kosten-Eklat bahnt sich an!

Bild: Wiki

Aufgrund der unterschiedlichen Berechnungsmethoden zur Behördennummer 115 und dem Call-Center in Karlsruhe in der letzten Ausgabe des FocusBadenBaden wurde die diesbezügliche Beschlussvorlage der Dienststelle „Fachgebiet Organisation“ mit der Drucksachen-Nr. 17.079 nochmals einer genauer Überprüfung unterzogen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier der Stadtrat wie schon beim Projekt „Leopoldplatz“ von der Verwaltung hinterlistig in eine Kostenfalle gelockt wurde.

Laut eines Artikels im Badischen Tagblatt sollen sich die Kosten für diesen Service für das ganze Jahr 2018 auf 25.000,– Euro belaufen. Eine Summe die von „goodnews4.de“ und „FocusBadenBaden“ gleichermaßen in Zweifel gezogen wurde. Doch der Reihe nach. Zunächst werden in der Beschlussvorlage relativ langatmig die Vorteile dieses Services dargestellt. An einer leicht zu merkenden Telefonnummer für alle Anfragenbelange ist im Prinzip nichts einzuwenden, wenn damit eine in einem angemessenen Kostenverhältnis stehende spürbare Entlastung erfolgt. Das ist hier aber offensichtlich nicht der Fall!

Auf Seite 6 der Beschlussvorlage geht die Stadt davon aus, dass jeder Einwohner maximal ein Mal im Jahr diesen Service nutzt. Die Kosten hierfür würden sich lt. Beschlussvorlage auf 300.000,– Euro jährlich belaufen. Dieser Summe liegt die „Annahme“ zugrunde, dass jeder Anruf im Durchschnitt 4,5 Minuten Bearbeitungszeit benötigt (55.000 x 4,5 Minuten = 247.500 Minuten x 1,21 Euro = 299.475,– Euro). Jedem Kaufmann dreht sich der Magen um, wenn Kosten nicht fest fixiert werden können. Im vorliegenden Fall geht man von einer „Annahme“ aus, statt einen Festpreis pro Anruf zu vereinbaren, oder zumindest die Gesamtminutenzahl pro Anruf kostenmäßig zu begrenzen.

Bereits die vorgenannte Summe ist weit von der eingangs erwähnten Summe entfernt, aber damit nicht genug. In der Beschlussvorlage wird auf der gleichen Seite weiter ausgeführt, dass bei der Verwaltung jährlich 660.000 externe Anrufe eingehen. 10.000 in der Telefonzentrale und 650.000 direkt bei den Dienststellen. Bei dieser Zahl ist dem Verfasser der Vorlage wahrscheinlich das Herz in die Hose gerutscht und er hat auf die Berechnung dieser Kosten wohlweislich verzichtet. Dies wollen wir aber hiermit gerne nachholen. Wenn diese 660.000 Anrufe jährlich rein theoretisch über das Call-Center mit der Servicenummer 115 abgewickelt würden, dann steht Baden-Baden folgende Kostenrechnung ins Haus: 660.000 Anrufe x 4,5 Minuten Bearbeitungszeit = 2.970.000 Minuten x 1,21 Euro = 3.593.700,–Euro (i. W. dreimillionenfünfhundertdreiundneunzigtausendsiebenhundert Euro)!

Auf Seite 7 dieser Beschlussvorlage kommen die „Fachleute“ dieser Dienststelle dann zu dem absolut nicht nachvollziehbaren und offensichtlich der Augenwischerei dienenden Schluss, dass nicht etwa 55.000 oder 660.000 Anrufe, sondern nur 4.500 Anrufe bei der Servicenummer erfolgen werden und dafür 2018 Kosten in Höhe von 25.000,– Euro entstehen. Wie das? Erkennen die Verfasser nicht, dass sie nur eine Seite vorher ganz andere Zahlen von Anrufen genannt haben? Oder erfolgt die gewünschte „Entlastung“ doch nicht, und fast alle Anrufe gehen nach wie vor bei der Verwaltung ein?

Soviel Inkompetenz oder Impertinenz ist schon erschreckend, aber noch viel mehr Anlass zur Sorge bereitet das Verhalten der Verantwortlichen und hier insbesondere der angeblichen Finanzfachfrau OB Mergen, die dieser Vorlage zugestimmt ohne sie gelesen bzw. hinterfragt zu haben. Die Diskrepanz zwischen der genannten Zahl von Anrufen und der genannten Kosten von 25.000,– Euro hätte bei einer simplen Plausibilitätsprüfung eigentlich auffallen müssen! Der fadenscheinige Hinweis, dass die Telefonnummer anfangs nur von wenigen Mitbürgern genutzt werde ist schlichtweg falsch, weil für die Bürger die Nummer 115 sicher leichter zu merken ist, als mehrstellige unterschiedliche Telefonnummern bei der Verwaltung.

Aber auch das Badische Tagblatt unterlässt diesbezüglich jegliche Prüfung und gibt diese offensichtliche Falschdarstellung in üblicher blauäugiger Hofberichterstattung wider. Seriöser Journalismus sieht anders aus!

Fazit 1: Die Einführung einer allgemeinen, leicht zu merkende Behördennummer ist gut, aber warum kann die Stadt dieses „Call-Center“ nicht selbst betreiben, sondern vergibt diesen extrem kostenträchtigen Auftrag an Karlsruhe?

Um die sachliche Überprüfung der Angelegenheit abzuschließen, bedarf es aber noch eines Blickes auf die „Belastung“ der Verwaltungsmitarbeiter/innen durch die gigantische Zahl von 660.000 Anrufen pro Jahr. Legt man diese Zahl zugrunde und teilt sie durch ca. 240 Arbeitstage verbleiben 2.750 Anrufe pro Tag. Wenn man weiter annimmt, dass von den 1.710 städtischen Bediensteten ca. 20 %, also ca. 340 Personen für die Annahme von Anrufen zuständig sind, dann erhält theoretisch jeder Mitarbeiter täglich 8 Anrufe x 4,5 Minuten (offizielle Angabe) = 36 Minuten. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter/innen noch nicht einmal 10 % der täglichen Arbeitszeit für die Auskunftserteilung aufwenden müssten.

Da sei die Frage erlaubt, ob diese bescheidene „Belastung“ der Mitarbeiter/innen diesen gigantischen Kostenaufwand (siehe oben) rechtfertigt?

Erschwerend kommt noch hinzu, dass durch das Call-Center für die Verwaltung keine vollständige Entlastung erfolgen wird, weil das „Fräulein vom Amt“ nur allgemeine Fragen beantworten kann, nicht jedoch spezielle Auskunftsersuchen die sich auf laufende Vorgänge (z.B. bei Bauangelegenheiten) beziehen. Dort ist dann wieder eine Rückfrage beim zuständigen Sachbearbeiter erforderlich, was den erhofften Effekt eliminiert und durch längere „Minutenzeiten“ zusätzliche Kosten verursacht.

Fazit 2: Der Verwaltung ist es wieder einmal, wie anhand vieler anderer Beispiele belegt werden kann gelungen, die Gemeinderäte mit vermeintlich niedrigen Anfangskosten einzulullen und Zustimmung zu einem Projekt zu erlangen, das sich dann bei Durchführung als wesentlich teurer erweisen wird, dann aber nicht mehr, oder nur unter großen finanziellen Verlusten gestoppt werden kann.

Fazit 3: Es wird höchste Zeit, ein Schwarzbuch über die Steuergeldverschwendung in Baden-Baden zu erstellen und einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen!