Der Katastrophenbau an der Seelachstraße

Wie die Baubehörde Lichtental eine Bauruine und eine gigantische Braugrube bescherte, dazu zerstörte Natur und eine total verstörte Nachbarschaft. Vermutlich muss die Stadt mit Millionenkosten den Schaden beseitigen.

Foto: Ben Becher

Es ist eine exemplarische Geschichte für die Baupolitik und Bau-Spekulation in Baden-Baden. Diese spezielle Geschichte in Lichtental geht so: Da kommt (das neue Jahrtausend hat kaum begonnen) ein Bauherr daher und will drei „Eigenheime“ bauen, nebeneinander an einem Steilhang unterhalb und direkt neben der Seelachstraße. Am Hang steht bisher noch versteckt ein winziges Häuschen (die Nachbarn nennen es das „Schwalbennest“). Der Hang selbst ist steil, das Grundstück wird von den Nachbarn als „Wald“ empfunden: alter Baumbestand, dem es wohl als erstes an den Kragen gehen wird. Doch es tut sich nichts, bis dann ein Russe das Baugrundstück mit Baugenehmigung erwirbt. Nun wird gesägt und gerodet. Unten am Hang stehen die Häuser der Dimpfelbachstraße. Oben regiert nun der russische Bauherr. Er heißt Sacharow, ist aber nicht verwandt mit dem russischen Nobelpreisträger. Was jetzt beginnt fühlt sich für die Nachbarn wie Krieg an.

Die Dimpfelbachstraße war bisher ein verstecktes Paradies bis zum Jahr 2014: waldnah, ruhig, Rehe kamen und gingen, nicht immer zur Freude aller Anwohner. Das wird es aber in den nächsten Jahren nicht so bleiben, denn nach dem Kampf um die Baugenehmigungen, welche der Russe gewinnt, wird das Schwalbennest abgerissen. Der Hang gerodet und der Bauplatz für die drei „Einfamilienhäuser“ hergerichtet. Jedes Einzelhaus soll (so steht es in der Baugenehmigung) 450 m² groß sein. Die Nachbarn sind der Überzeugung: es sind in Wahrheit Mehrfamilienhäuser geplant. Drei Stück, zusammen haben sie 1.350 Quadratmeter Wohnraum. Wo sollen die künftigen Bewohner eigentlich parken?

Foto: Ben Becher

Dann beginnt der Aushub für die Baugrube. Man kann sie heute noch auf Google Maps betrachten, ein gigantisches Loch direkt unter der Seelachstraße, wo zur Freude aller Lichtentaler bis heute (!) eine Ampel den Verkehr regelt. Es gibt Risse in der Straße. 6 Wochen lang wird gesprengt, in vielen Häusern in der Dimpfelbachstraße gibt es jetzt ebenfalls Risse. Der „Aushub“ für die Bauten muss ein Vermögen gekostet haben, die Anwohner schätzen ihn allein für jedes Haus auf eine halbe Million, was vielleicht übertrieben ist, wer weiß. Der Russe, Herr Sacharow, baut kostensparend mit osteuropäischen Arbeitern, welche gelegentlich hilflos mit dem gigantischen Kran umgehen, der aufgestellt wird. Ein erstes (und bis heute einziges) Haus ist 2015 im Rohbau  fertig, lange fehlen die Fenster; die werden dann im Frühjahr 2016 eingebaut und das halbfertige Haus zum Verkauf angeboten. Denn so ging der Plan: ein Haus nach dem anderen soll gebaut werden. Und mit dem Erlös wird dann weitergebaut. Doch es stellt sich heraus: das erste Haus ist unverkäuflich. Es kann also nicht weiter gebaut werden. Der Bauherr, das ist jedenfalls die Überzeugung der Nachbarn: der Bauherr ist pleite.

Jedenfalls erleben nun die Nachbarn, wie die ausländischen Arbeiter, es sind ausschließlich Osteuropäer, verzweifelt von Haus zu Haus laufen und klagend nachfragen, wo sie denn ihren Lohn bekommen können. Es gibt keinen Lohn, die Baustelle verweist. Einsam steht noch ein Jahr lang der Kran auf der Baustelle; er wird erst 2017 abgebaut. Nur die den oben in der Seelachstraße den Verkehr regelnde Ampel funktioniert weiterhin noch. Vermutlich noch eine ganze Weile, weil niemand weiß, ob die Straße noch trägt oder abrutscht und den Menschen unten in die Gärten rutscht. Inzwischen versuchen die Nachbarn je nach Temperament sich selbst zu helfen. Einer versucht sich mit einer Stützmauer davor zu schützen, dass ihm die Bauruine aufs Grundstück rutscht, andere nutzen den „Zustand“, das heißt die offensichtliche Unordnung des verlassenen Baus, aus und vermüllen ihre Umgebung mit Bauschutt aus ihrem eigenen Haus, fällt ja gar nicht auf, kann man dem Russen in die Schuhe schieben. Und wie geht es nun weiter? Von dem Bauherrn, da sind die Nachbarn überzeugt, ist nichts mehr zu erwarten. Also richten sich die Augen auf die Stadt.

Neulich hat Martin Ernst, Stadtrat für die Freien Bürger für Baden-Baden (FBB) ganz offiziell im Bauausschuss gefragt: was passiert hier eigentlich; und was will die Stadt tun und wie will sie die Lichtentaler Bürger schützen? Och, meinte der Herr Schübert, die Situation sei gewissermaßen schwierig. Man mache Bodenuntersuchungen. Und dann? Ob es stimme, dass der Bauherr insolvent sei? Diesbezügliche Informationen lägen der Verwaltung nicht vor. Und was muss jetzt von der Stadt getan werden? Schübert meinte, im Moment würden die notwendigen Kosten für die Hangsicherung ermittelt (also doch!). Wie die Stadt damit umgehe, müsse erst mal intern geklärt werden. Eigentlich sei der Bauherr verpflichtet, aber der… siehe oben.

Das heißt: die Bauabteilung hat sehenden Auges bei einer Bauspekulation mitgemacht. Sie hat die Nachbarn der Baustelle nicht geschützt, sondern ungeahnten Gefahren ausgesetzt. Die Stadt hat einen schönen Berghang in Lichtental der Bauspekulation überantwortet und Häuser genehmigt, die pure Luxusspekulationsobjekte waren. Und wie es nun weiter geht, ist völlig klar: die Stadt muss für ihre Fehlentscheidungen büßen. Sie muss die Fehler sanieren, welche der insolvente Bauherr beging (unter den Augen der Baubehörde!!). Fachleute schätzen: Hangsicherung und Straßensanierung oben (die Seelachstraße) werden zusammen mindestens eine Million Euro kosten. Rausgeschmissenes Geld, für das der Steuerzahler aufkommen muss. Und was ist mit den Rissen in den Privathäusern unterhalb der Baustelle? Die Anwohner warten da noch geduldig auf eine befriedigende Antwort. Andere prüfen die Belastbarkeit ihrer Rechtsschutzversicherung.

Foto: Ben Becher

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