Altenheim wohin? Wo wohnen wir im Alter?

Sollen die Alten mitten in die Stadt, ins normale Alltagsleben, oder sind alte Menschen Entsorgungsfälle, und man verdrängt sie an den Stadtrand?

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Der Gemeinderat hat in seiner letzten Sitzung den Bau eines Alten- und Pflegeheims in der Hubertusstraße genehmigt. Dahinter steht eine langfristige Grundsatzentscheidung, nämlich die: wohin müssen die Alten aus der Stadt umziehen, wenn sie pflegebedürftig werden. Die Alten, welche zukünftig am Stadtrand neben dem Tausendfüßler wohnen werden, sind jetzt noch neben der Seufzerallee untergebracht, im Ludwig-Wilhelm-Stift des DRK. Es liegt im Zentrum an einer der schönsten Stellen der Innenstadt. Dieses Stift aus der Zeit um 1900 entspricht heute nicht mehr den gesetzlichen Standards (das ist unstrittig), weil es die Alten in Mehrbettzimmern unterbringen muss. Das ist zukünftig gesetzlich verboten. Also musste das DRK überlegen, wie man auf diese Situation reagieren sollte. Umbauen oder Wegziehen war die Frage. Man entschloss sich, völlig neu zu bauen und das alte Heim zu verkaufen. Man hätte natürlich auch das alte Heim mitten im Kurzentrum erweitern und renovieren können, aber man entschied sich dagegen. Nun wird dieses Heim (wenn es denn geräumt ist von den Alten) wesentlich erweitert, umgebaut und zwar zu exklusiven Luxuswohnungen. Kommunalpolitisch ist zu fragen: hätte man das nicht auch im Interesse der alten Bewohner für diese tun können? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Die Hubertusstraße (wohin eben diese Alten umziehen werden) ist nun nicht gerade eine Toplage. Jeder in Baden-Baden weiß das. Die Hubertusstraße ist objektiv gesehen eine ziemlich miese Lage. Am Rand der Stadt, genauer am Rand der Weststadt, weitab von allen denkbaren kulturellen Brennpunkten Baden-Badens. Stattdessen gibt es dort Kleingewerbe (eine Autowerkstatt, eine Bierniederlassung usw.) und direkt neben dem geplanten Heim einen „Wohnmobilhafen“, also einen Abstellplatz für Wohnmobile, die man nicht in der Stadt haben will. Es ist laut vom Zubringer und vom Tausendfüßler her, es herrscht schlechte Luft voll mit Abgasen und Feinstaub von den vielen Autos, die hier vorbeifahren. Es ist auch anzunehmen, dass der Verkehr noch zunehmen wird. Den Radau von der Straße werden die Bewohner des Altenheims wohl nicht mehr so hören können, denn (so argumentiert das DRK allen Ernstes!) die modernen Hörgeräte würden den Straßenlärm herausfiltern. Wirklich? Die Messungen über Feinstaub und Abgase, die der Baugenehmigung im Rahmen eines Vorhaben bezogenen Bebauungsplanes zu Grunde liegen, sind schlicht aus anderen Gutachten abgeschrieben (so Stadtrat Prof. Dr. med. Heinrich Liesen von den Freien Bürgern für Baden-Baden, FBB), also nicht neu. Die Ergebnisse mutmaßlich geschönt. Neu werden jene Messergebnisse sein, die in der Nähe des Neubaus vom Deutschen Wetterdienst erhoben werden, um für Baden-Baden das Prädikat „Luftkurort“ zu sichern. Dann wird man wissen, wie es konkret um diesen Standort steht. Eines unserer FBB-Mitglieder am Tausendfüßler misst dort seit langem ebenfalls die Luft mit teilweise (!) hoch auffallenden Ergebnissen. Man möchte derlei eigentlich nicht immer einatmen müssen.

Die Stadträte der FBB haben gegen diesen Standort für ein Altenheim gestimmt. Warum? Hauptgrund: weil alte Menschen nicht an den Stadtrand gehören, zumal dann nicht, wenn sie zuvor im Kurzentrum wohnten. Und weiterhin, weil dieses Grundstück zwar gut für Gewerbe wäre, aber eben schlecht für pflegebedürftige Menschen (wo sollen sie denn hin, wenn sie einmal ihr Heim verlassen wollen?). Und schließlich und grundsätzlich gefragt: wie wollen wir Bürger von Baden-Baden denn in Zukunft mit unseren alten Menschen umgehen? Weg mit ihnen? Jeder von uns wird einmal alt und hernach in der Regel auch pflegebedürftig. Die Entscheidung des Gemeinderates in Baden-Baden, wonach die Alten fröhlich und guten Gewissens an den Stadtrand ins Nirgendwo verdrängt werden, lässt uns in unsere eigene Zukunft blicken: so wird es uns ergehen, genauso und nicht anders. Die Entscheidung macht schaudern: für uns soll es keinen Platz mehr in der Mitte der Stadt geben, wenn wir einmal alt sind.

In unserer städtischen Vergangenheit wohnten die Alten am Ende ihres Lebens im Zentrum. Auch die diversen Stifte für alte Menschen (wie beispielsweise das Ludwig-Wilhelm-Stift) gaben den Alten diese Chance und erwiesen ihnen diesen Respekt. Es waren noble Stiftungen, die alle Menschen (auch die alten, pflegebedürftigen Menschen!) würdevoll behandelt haben. Das geht bis ins Mittelalter zurück, wie die Stadtgeschichte (nicht nur in Baden-Baden) beweist. Man denke nur zum Beispiel an das berühmteste Altenheim, die Fuggerei in Augsburg, die man ja auch nicht aus den Mauern der Stadt heraus drängte, sondern seinerzeit mitten in die Stadt Augsburg hinein baute, dorthin, wo das Leben pulste. Am Zubringer pulsen und donnern nur die Autos und Motorräder. Damals wusste man noch: jeder von uns wird einmal alt und ist deshalb unmittelbar betroffen. Es galt der Grundsatz: ein bestimmter Anteil der Stadtfläche war deshalb für die Alten reserviert, dieser Anteil war nicht für Spekulation vorgesehen, wie jetzt die Fläche des Ludwig-Wilhelm-Stiftes in Baden-Baden. Das war traditionelle Stadtpolitik, aber die Zeiten haben sich geändert.

Wir alle werden irgendwann alt. Jeder von uns! Und dann? Altenheim bitte. Die FBB ist der Überzeugung, dass wir unsere Altenpolitik (auch im Eigeninteresse!) sehr gründlich überdenken sollten. Sonst erwischt uns ebenfalls die Hubertusstraße.

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